Turnhalle in Viersen

Denkmalbeschreibung:
Geschichte
Im namensgebenden Jahr 1848 wurde der Viersener Turnverein als erster
seiner Art im (heutigen) Kreisgebiet gegründet. Da das Turnen im Sinne
des "Turnvaters" Friedrich Ludwig Jahn durchaus auch
nationalpolitische Anliegen vertrat, hatten die politischen Wirren
1848/49 jener Jahre auf Turnvereine jedoch erhebliche Auswirkungen. Nach
Polizeiaufsicht und Hausdurchsuchungen löste sich auch in Viersen der
neue Verein 1849 vorübergehend auf. Die Neugründung erfolgte erst
1858.
In den ersten Jahren dienten zunächst der
Garten eines Vereinsmitglieds, dann der Hof eines Hotels und später der
städtische Platz am Hoserkirchweg als Turnplätze. Ab 1879 durfte der
Verein die neue Turnhalle der höheren Bürgerschule an der Wilhelmstraße
mitbenutzen, wodurch das Vereinsleben einen spürbaren Aufschwung nahm.
Nicht zuletzt auch das Vorbild des Rheydter TV, der schon seit 1884 eine
eigene Halle besaß, beförderte jedoch den Wunsch nach einer
vereinseigenen Turnhalle. 1901 wurde zu diesem Zweck eine Spendenaktion
ins Leben gerufen, wodurch im Jahr darauf an der Heimbachstraße ein
Turnplatz erworben werden konnte. "Als dann kurz vor dem Kriege die
Stadt dem Turnplatze gegenüber eine großzügige Turn- und Festhalle
errichtete, schien der Verein der Sorge der Errichtung einer eigenen
Halle enthoben. Neue Schwierigkeiten zeigten sich, als in den Jahren
nach dem Weltkriege die Turn- und Festhalle immer mehr für
Theatervorstellungen und andere Veranstaltungen genutzt wurde, so dass
der Turnbetrieb häufig darunter leiden musste. Der Saal der
Gesellschaft Erholung, in den schließlich der Verein seine Übungsabende
verlegen musste, entsprach so wenig den Anforderungen, die man füglich
an eine Turnhalle stellen kann, dass der Verein den kühnen Wurf wagte,
an den Bau einer vereinseigenen Halle heranzugehen." Der Bauantrag
datiert vom 17.01.1927 (Grundsteinlegung 08.05.1927; Rohbauabnahme:
18.10.1927). "An seinem 80. Jubelfeste am 2. und 3. Juni 1928 wurde
die mit einem Kostenaufwand von nahezu 150.000 Mark errichtete Turnhalle
an der Gereonstraße ihrer Bestimmung übergeben." (Salzberger
1930, Seite 56)
Nach 1945 war die im Krieg weitgehend unbeschädigte
Halle zunächst für mehrere Jahre als Lebensmittellager der Stadt und
zur Unterbringung von Flüchtlingen beschlagnahmt. Einige substanzielle
Umbauten (Einbau von Glasbausteinen; Dacherneuerung; Abriss eines
Emporenbalkons in der Halle) erfolgten 1970.
Architekt der Halle war Heinrich Schroeren.
Bereits 1924 hatte er an selber Stelle zwischen Gereonstraße und
Freiheitsstraße ein Fabrikgebäude für die Rheinische Polster- und
Ledermöbelfabrik Jos. Holtschoppen geplant. Die Bauantragsunterlagen für
den Sheddachbau mit zwei Flügel-Vorbauten sind in der Bauakte erhalten.
Offenbar ist es nicht zur Ausführung gekommen.
Beschreibung
Es handelt sich um ein im wesentlichen zweigeschossiges Backsteingebäude
mit ziegelgedeckten Walmdächern auf verschiedenen Baukörpern, die zur
Gesamtform zusammengesetzt sind. Vor den querrechteckigen Hallenbau sind
zur Gereonstraße hin die notwendigen Neben- und Erschließungsräume
angeordnet. Ihre Front ist zu einer über Sockel mit Klinkersteinen
verblendeten Fassade ausgestaltet.
Zwei eingeschossige flachgedeckte Flügel
fassen jeweils seitlich einen kleinen Eingangshof. Die fünfachsige
Hauptfront prägt ein Mittelrisalit, in den unter einer flachen Dreiecksöffnung
der über Treppenstufen erhöhte Haupteingang (zweiflüglige Holztür
mit Fenstereinsätzen) eingenischt ist. Sämtliche Eckkanten dieser
Fassade sind in Backstein quaderartig rustifiziert. Ein Dreiecksgiebel
bekrönt den Mittelrisalit.
Da Vorbauten, Eckbauten und Turnhalle jeweils
eigene Dächer bzw. voneinander abgesetzte Dachteile besitzen, prägt
die differenzierte Dachlandschaft in besonderem Maße das
Erscheinungsbild des entsprechend gegliederten Baukörpers. Ein auf
einem Foto aus den 1920er Jahren erkennbarer Dachreiter über der
Turnhalle ist heute nicht mehr vorhanden. Die Seitenwände sind in
einfachem Backstein ohne Verklinkerung ausgeführt. Auf der wieder durch
Lisenen belebten Rückseite befinden sich jüngere Anbauten. Fenster
sind ohne Anpassung an die originalen Kreuzstock-Sprossenfenster
erneuert.
Durch den Haupteingang und einen Windfang
hindurch gelangt man im Inneren zunächst in einen
"Wandelgang", der quer vor der dahinterliegenden Turnhalle
angeordnet ist. Die Funktionen der Nebenräume haben sich z.T. gegenüber
dem Entwurfsplan geändert, der Grundriss ist aber im wesentlichen
erhalten. Am rechten Ende des Ganges führen einige Stufen zur
Hausmeisterwohnung, an seiner linken Stirnseite befindet sich das
Haupttreppenhaus. Dazwischen führen drei große zweiflügelige Türen
in die Turnhalle. Originale Rahmenfüllungstüren und Türgewände sowie
der Kunststeinfußboden vermitteln ein anschauliches historisches
Raumbild. Die ebenfalls ursprünglich erhaltene Haupttreppe mit
Steinstufen zeigt bemerkenswerte Eisengeländerstäbe mit zeittypischen
abstrakten Schmuckformen.
Die Turnhalle besitzt eine feine klassizierende
Wanddekoration aus Pilastern und Gesimsbändern sowie mehrfach gestuften
Deckenkehlprofilen. Für die stützenfreie Überspannung der mit einer
Rabitz-Spiegeldecke versehenen Halle wurde eine Eisenbinderkonstruktion
eingebaut. In der vom Eingang aus gesehen rechten Schmalseite ist eine Bühne
angeordnet, ihr gegenüber befand sich ursprünglich eine Galerie. An
der vorderen Längsseite ragt mit beinah "expressionistischem"
Gestus eine dreifach gezackte Empore in den Raum.
Zeitgenössisches Urteil
Die neue Turnhalle war einer der größten Neubauten der zweiten Hälfte
der zwanziger Jahre, den "goldenen Jahren" der Weimarer
Republik, in Viersen. Daher präsentierte die Stadt sie auch ausführlich
in ihrer Selbstdarstellung im Rahmen der renommierten Buchreihe
"Deutschlands Städtebau", wo sie ein Foto der Halle an den
Anfang des Kapitels "Turnen, Spiel und Sport" stellen und die
Baugeschichte ausführlich schildern ließ. Der Vorsitzende des
Turnvereins, Ferdinand Salzberger, führt dort weiter aus: "Auf den
stattlichen Bau mit seinen verschiedenen geschmackvoll ausgestatteten Räumen
kann der VTV.48 mit Recht stolz sein, zählt die Halle doch mit zu den
schönsten des ganzen Turnkreises. Reges Leben herrscht heute an den Übungsabenden
der einzelnen Abteilungen. Es ist zu erwarten, dass die Halle für den
Verein eine neue Anziehungskraft darstellt." Und weiter im
zeittypischen nationalkonservativen Duktus, der u.a. auch über das
damalige Selbstverständnis des Turnens Auskunft gibt: "Der
Volksgemeinschaft scheint mir das zu frommen, geht doch die Arbeit der
D.T. [Deutschen Turnerschaft] mehr in die Breite (...), während bei den
meisten Sportvereinen nach Spitzenleistungen einzelner der Blick
gerichtet ist. Wenn die Turner in der schönen Halle im Sinne Jahns den
Körper stark und den Geist gesund pflegen, dann werden auch sie ihren
Teil dazu beitragen, dass das deutsche Volk aus der durch den Weltkrieg
und seine entsetzlichen Folgen hervorgerufenen tiefen Not sich
herausarbeitet und im Kreise der Völker den ihm eigenen Platz sich
erringt." (Seite 56)
Architekturgeschichtliche Würdigung
und Denkmalwert
In der Art und Weise, wie hier einzelne Baukörper zu einer Gesamtform
funktional differenziert zusammengefügt sind, erinnert die Turnhalle
des VTV.48 ein wenig an die Viersener Festhalle, die der Turnverein ja
bis zum Neubau auch mitbenutzen durfte und deren Raumprogramm
ansatzweise vergleichbar ist. Die aufwändige Detail-Gestaltung der
Festhalle konnte bei der etwa fünfzehn Jahre jüngeren Turnhalle
selbstverständlich schon aus Kostengründen, aber auch, weil es sich
hier nicht um einen solchen Renommierbau handelte, kein Vorbild sein.
Dies zeigt sich z.B. in der Tatsache, dass die Fassade nur eine
Klinkerverblendung erhielt und ansonsten einfaches Backsteinmauerwerk
unverputzt belassen wurde. Die kubischen Baukörperteile sowie die
abstrahierten klassizistischen Würdeformen (Giebel, Eckquaderung,
Wandgliederung der Halle) erklären sich aus einer Anlehnung an die
Baukunst "um 1800", wie sie seit etwa der Jahrhundertwende im
traditionalistischen Bauen praktiziert wurde. Dabei handelt es sich je
nach Bautyp um eine Verschmelzung klassizistischer, barocker und "Revolutionsarchitektur"-Formen.
Gemessen an anderen, meist Schulen angegliederten Turnhallen ist
diejenige in der Gereonstraße nicht nur bemerkenswert groß, ihre an
klassischen Architektursprachen orientierte Gestaltung belegt ein über
die reine Zweckerfüllung hinaus gehendes Anspruchsniveau.
Aus denkmalpflegerischer Sicht ist das noch in
bemerkenswerter und seltener Geschlossenheit erhaltene Raumbild
(Grundriss, Türen, Böden, Treppen, Wand- und Deckengestaltung in der
Halle) festzuhalten. Die Störung des ebenfalls im wesentlichen
erhaltenen Außenbaues durch die modernen Fenster und Anbauten ist
demgegenüber geringer zu veranschlagen, so dass hier insgesamt ein noch
ungewöhnlich anschauliches Zeugnis einer Turnhalle der zwanziger Jahre
überliefert ist. Vergleichbar dem etwa zeitgleichen Postgebäude an der
Freiheitsstraße setzt sie darüber hinaus die stattliche Zahl von
Bauten der öffentlichen Daseinsfürsorge in Viersen fort, die u.a. mit
Rathaus, div. Schulen, Stadtbad, Reichsbank, Festhalle, Generatorenhalle
des E-Werks, Bauten der Wasserversorgung oder Bahnhof eine z.T. auch überregional
bedeutende Denkmälergruppe bildet, die in besonders anschaulicher
Dichte vom frühen städtischen Gemeinwesen Viersens zeugt.
Als Halle des größten Viersener Turnvereins,
einer Bauaufgabe mit öffentlicher, allgemeiner Daseinsvorsorge
dienender Funktion, in qualitativ beachtlicher Gestaltung ist das Gebäude
Gereonstraße 126 bedeutend für Viersen. Da es als Zeugnis der
Bauaufgabe und des Sportvereinswesens in den zwanziger Jahren im
wesentlichen noch substanziell anschaulich erhalten ist, besteht an der
Erhaltung und Nutzung aus wissenschaftlichen, insbesondere den
beschriebenen architektur- und kulturgeschichtlichen Gründen ein öffentliches
Interesse. Es handelt sich daher gemäß § 2 (1) Denkmalschutzgesetz NW
um ein Baudenkmal.