Gastwirtschaft
Viersener Hof in Viersen

Denkmalbeschreibung:
Geschichte
Das Wohn- und Geschäftshaus Gladbacher Straße 1 wird 1894/95 an der
Ecke zur Heierstraße errichtet. Im Erdgeschoss befindet sich die
Gastwirtschaft "Viersener Hof", in den beiden Geschossen darüber
Wohnungen. 1933 ist hier vorrübergehend die Parteizentrale der
NSDAP-Kreisleitung untergebracht ("Horst-Wessels-Haus"). Die
Nutzungsteilung zwischen Gastwirtschaft und Wohnungen ist bis heute
erhalten, allerdings weist das Erdgeschoss darüber hinaus eine völlig
neue Grundrissverteilung, welche die Erd- und Kellergeschosse der drei Häuser
Gladbacher Straße 1 und 3 sowie Heierstraße 2 miteinander verbindet.
Beschreibung
Das an einer belebten Straßenecke stadtbildprägend gelegene,
dreigeschossige Gebäude besitzt eine für die 1890er Jahre typische
Backsteinputzfassade mit einem auf der Ecke abgewalmten, gaubenbesetzten
Steildach (Dacheindeckung und die rechteckige Form der ursprünglich
ovalen Gauben sind modern). Die Hausecke ist flach abgeschrägt; sie
enthält den Eingang in die Gastwirtschaft und wird in der Dachzone
durch ein Zwerchhaus betont. Zwei weitere Eingänge, der linke davon für
das Treppenhaus der Obergeschoss-Wohnungen, sind zur Gladbacher Straße
hin gerichtet.
Gestaltung und Schmuck der Fassade sind bis auf
wenige Details unverändert erhalten. Das Erdgeschoss besitzt eine kräftige
zweifarbige Putzbänderung, die von großen Fenstern unterbrochen wird.
Der Wohnungseingang und der Eingang auf der Ecke, mit zweiflügeliger
(erneuerter) Tür, sind korbbogig überfangen, die Gaststättenfenster
zur Heierstraße und das erste Fenster an der Gladbacher Straße sind
ebenfalls am Sturz abgerundet und mit Keilsteinen betont. Die breite
ehemalige Durchfahrt zum Hof von der Heierstraße aus ist heute
geschlossen. Eine Dreiergruppe aus mittigem Eingang und zwei breiten
Fenstern charakterisiert das Erdgeschoss an der Gladbacher Straße,
dabei wird der Eingang von zwei ornamentierten Pfeilern auf hohen
Postamenten gerahmt.
Ein breites Geschossgesims leitet über zu den
beiden kleinteilig gegliederten Wohngeschossen. Die hier
backsteinsichtige Fassade wird durch Putzelemente belebt. Außerdem sind
die Abstände der Fensterachsen leicht variiert, so dass trotz der
immerhin 5:1:6 Achsen keine Monotonie der Reihung entsteht. Zusätzliches
Relief erhält der Baukörper durch das flache risalitartige Vorziehen
bestimmter Fensterachsengruppen: drei Achsen an der Gladbacher Straße,
Eckachse und Doppelachse über der ehemaligen Durchfahrt.
Die hochrechteckigen Fenster, kleineren Formats
als im Erdgeschoss, sind kreuzgeteilt und zweiflügelig. Teilung
und Proportion entsprechen außer in der Eckachse ausweislich alter
Fotos dem ursprünglichen Zustand. Die Fensterachsen sind jeweils in
eine auffällige Putzrahmung eingestellt. So zieht sich zunächst ein Brüstungsband
mit abgesetzten, diamantierten Brüstungsfeldern oberhalb des
Geschossgesimses um die Fassade. Auf ihm sitzen die Fenster des ersten
Obergeschosses auf, die von kandelaberbesetzten Pilastern gerahmt und
abwechselnd von Dreiecks- und Segmentgiebeln auf Volutenkonsolen überfangen
werden. In der Eckachse befindet sich ausweislich alter Fotos vor dem
Zweiten Weltkrieg ein Balkon.
Das zweite Obergeschoss ist entsprechend
zeittypischer Konvention etwas schlichter ausgestaltet, was insbesondere
in der einfacheren Putzrahmung der Fenster mit wirtelartigen Zierstücken
zum Ausdruck kommt. Auch die Brüstungsfelder sind abstrakter
ausgedeutet. Statt als Giebel sind die Verdachungen hier als gerades Gebälkstück
mit Klötzchenfries ausgeführt. In beiden Geschossen sind die Stürze
der Fensterlaibungen mehrfach gestuft profiliert.
Besondere Erwähnung verdient noch das auf dem
kräftigen Kranzgesims aufsitzende, aufwändig verzierte Zwerchhaus in
der Eckachse, dessen rundbogiges Fenster von Pilastern gerahmt wird und
dessen Seiten als Voluten ausgebildet sind.
Im Innern ist das Haus weitgehend verändert.
Der Schankraum des Erdgeschosses ist in den weitläufigen Komplex der
heutigen Spielhalle integriert.
Denkmalwert
Die Häuser Gladbacher Straße 1 und Gladbacher Straße 3 bilden
zusammen mit dem Saalbau Heierstraße 2 eine Straßenecke mit einem
historischen Erscheinungsbild des Viersen der Jahrhundertwende, wie es
in dieser unversehrten Geschlossenheit an der auf sie zulaufenden
Hauptstraße nicht mehr angeschaut werden kann. Ausweislich des
Stadtbauplans von 1860 befindet sich an dieser Stelle auch schon vor dem
Neubau 1894/95 eine Bebauung. Seit mehr als 100 Jahren wird hier eine
Gaststätte betrieben. Die dem entsprechende Aufteilung in einen Wohn-
und Schankbereich ist in zeittypischer Weise umgesetzt (z.B.
Eckausbildung und Fenstergestaltung) und noch anschaulich erhalten.
Allerdings sind im Inneren keine nennenswerten Zeugnisse von
historischem Wert vorweisbar, so dass sich das öffentliche
Erhaltungsinteresse auf die straßensichtigen Fassaden und Dachflächen
beschränkt.
Es handelt sich um ein am Außenbau anschaulich
erhaltenes Wohn- und Geschäftshaus, dessen repräsentative
Dreigeschossigkeit ausgesprochen städtisches Gepräge besitzt und einen
wichtigen Blickpunkt in der Viersener Innenstadt bildet. Als Bestandteil
eines markanten historischen Bauten-Ensembles an einer der belebtesten
Punkte in der Viersener Innenstadt sowie als traditionsreiche Gaststätte
ist das Gebäude Gladbacher Straße 1 bedeutend für Viersen.
Seine aufwändige, historistische Baugestaltung
ist bis auf einige wenige Details weitgehend ursprünglich erhalten. Es
stellt daher ein wichtiges Zeugnis für das Bauwesen der
Jahrhundertwende in der Wachstumsphase Viersens und an städtebaulich
repräsentativer Stelle dar. Als traditionsreiche innerstädtische
Gaststätte und auch als kurzzeitige Kreiszentrale der NSDAP kommt ihm
darüber hinaus ortsgeschichtliche Bedeutung zu. An der Erhaltung der
straßensichtigen Fassaden und Dachflächen besteht daher aus städtebaulichen
und wissenschaftlichen, hier architektur- und ortsgeschichtlichen Gründen
ein öffentliches Interesse. Es handelt sich daher gemäß § 2 (1)
Denkmalschutzgesetz um ein Baudenkmal.