Denkmale in der Stadt Viersen

Lfd. - Nr. 433

 

Standort:

Gereonstraße 43,  D 41747 Viersen

GPS:

5115' 05,1" N   06o 23' 56,3" O

Zuständigkeit:

Pfarrgemeinde St. Josef

Baujahr:

1908 - 1910

Tag der Eintragung als Denkmal

18. April 2002

Quellenhinweis:

Beschreibung der Denkmalbehörde

 

 

 

 

Josefskloster in Viersen

Denkmalbeschreibung:

Geschichte
Die katholische Pfarrgemeinde St. Josef wird 1891 von der Mutterpfarre St. Remigius abgetrennt und als eigenständiges Rektorat, ab 1895 Pfarre im Süden Viersens eingerichtet. 1891 wird auch die Kirche fertig gestellt. Gemäß den spezifischen Bedürfnissen der Zeit und des stark industrialisierten Bereiches der Stadt betreibt die Pfarre von Anfang an eine erhebliche sozial-karitative Arbeit. So wird 1893 im hierzu erbauten "Josefshaus" eine Kinderbewahranstalt gegründet (1913 und 1916 folgen zwei weitere) und 1910 ein Pfarrkloster mit noch darüber hinaus gehender Bestimmung bezogen.

Die Einrichtung dieses "Josefsklosters" wird vom damaligen Pfarrer Dr. Carl Heggen betrieben. Dem Baubeginn 1908 voraus gehen mindestens zweijährige Verhandlungen mit Aufsichtsorganen und der Kommune über Finanzierung und Aufgaben, die sich in großen Zügen anhand der erhaltenen Unterlagen im Pfarrarchiv rekonstruieren lassen.

Am 20.08.1906 bekundet das Kloster zum Hl. Joseph in Neuss, eine Genossenschaft der barmherzigen Schwestern nach der Regel des heiligen Augustinus, seine grundsätzliche Bereitschaft, eine neue Niederlassung in der St. Josefspfarre anzunehmen, der, laut der entsprechenden Erlaubnis des Erzbistums vom Februar 1907, ambulante Krankenpflege und "die Leitung einer bereits bestehenden und einer noch zu gründenden Kinderbewahrschule, einer Hausarbeits- und Haushaltungsschule sowie eines Arbeiterinnenheimes" obliegen sollen. Die zweite Jahreshälfte 1907 wird dann mit der notwendigen Genehmigung durch die zivilstaatlichen Behörden verbracht, die wiederholt detailliertere Aufgabenbeschreibungen anfordern und insbesondere einen Nachweis verlangen, dass das neue Haus ohne Verwendung von Geldern der Kirchengemeinde errichtet wird, so wie es ein entsprechender ministerieller Erlass vorsieht. Die Kirchengemeinde muss demnach darlegen, dass nicht sie, sondern Pfarrer Dr. Heggen als Bauherr auftritt, für die Überlassung des kircheneigenen Grundstücks eine Entschädigung vorgenommen wird und dass das Geld für Bau und Unterhalt aus einer privaten Stiftung stammt, nämlich der Brüder Wilhelm und Peter Berrischen.

Zu Wilhelm Berrischen (1844-12.02.1924) vermerkt das Pfarrarchiv, dass er "seit Gründung der Josephspfarre ein sehr reger Beförderer aller Angelegenheiten der Pfarre und der Kirche (war). 25 Jahre war er Kirchenrendant mit kluger und vorbildlicher Geschäftsführung, eine Aufgabe, die bei der Armut der Pfarrkirche groß war. Er verweigerte jede Vergütung für sein Rendantenamt. Er stiftete mit seinem Bruder Peter das St. Josephskloster und brachte viel Geldopfer für die Kirche. Seit Gründung der Pfarre bis zu seinem Tode war er Mitglied des Kirchenvorstandes. Er war ein lieber Freund der Pfarrei." Das Adressbuch der Stadt Viersen von 1906/07 führt ihn als "Kommis" (d.h. kaufmännischer Angestellter) unter der Adresse Am Kloster 13. Im Adressbuch 1911 werden unter dieser Adresse außer ihm drei Frauen aufgelistet, von denen eine, Elisabeth Fleuth, die Sterbeanzeige 1924 aufgibt und ihn dort als ihren Pflegevater bezeichnet. Zudem ist er Ehrenmitglied des Katholischen Kaufmännischen Vereins e.V. Viersen.

Wilhelms älterer Bruder Peter Berrischen stirbt am 19.10.1908 "im Alter von 72 Jahren". 1906/07 führt er die selbe Adresse wie sein Bruder und als Berufsbezeichnung "Agent" (Vertreter).

Am 8. Juni 1908 genehmigt das preußische Ministerium für geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten die neue Niederlassung, "und zwar zum Zwecke der Uebernahme der Pflege und Unterweisung von Kindern katholischer Konfession, welche sich noch nicht im schulpflichtigen Alter befinden, in zwei Kleinkinder-Bewahranstalten, ferner der Leitung und Unterweisung in einer Haushaltungsschule und in einer Handarbeitsschule für katholische Mädchen in nicht mehr schulpflichtigem Alter, sowie der Pflege und Leitung in einem Heim für Arbeiterinnen katholischer Konfession. (...) Wir setzen dabei voraus, dass die im St. Josefshaus vorhandene Kleinkinder-Bewahranstalt und Handarbeitsschule künftighin nicht mehr von der ersten Niederlassung der genannten Genossenschaft in Viersen, sondern von der neuen Niederlassung geleitet werden. [Randvermerk v. Pfarrer Heggen: "Die Bewahrschule an der Josefstraße wurde von der Remigiuspfarre übernommen"] In die Niederlassung dürfen nur Ordensangehörige, welche die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen und deren Zahl hiermit auf fünf festgesetzt wird, aufgenommen werden. Die Höchstzahl der Mitglieder wird auf fünf festgesetzt. (...) Die Genehmigung zur Ausübung ambulanter Krankenpflege kann nicht erteilt werden, da ein Bedürfnis hierfür mit Rücksicht auf die bereits vorhandenen Niederlassungen zu ambulanter Krankenpflege nicht anzuerkennen ist."

Doch auch die ambulante Krankenpflege, ein Hauptbeweggrund für die neue Niederlassung, wird schließlich doch genehmigt. Die Kirche muss aber versichern, in dem Haus Kranke nicht dauerhaft aufzunehmen. Am 21. Juni 1910 beziehen die Barmherzigen Schwestern aus Neuss das für 22.750 Mark neu errichtete Josefskloster. Zur älteren von ihnen betreuten Kinderbewahrschule treten 1913 und 1916/17 zwei weitere am Klosterweiher und an der Alten Bruchstraße. Bei Kriegsende 1918 verzeichnet die Pfarrchronik eine finanzielle Notlage des Klosters und seiner drei Kindergärten, "die weder Rücklagen besaßen noch Zuschüsse von der Zivilverwaltung erhielten" (Chronik 1991, Seite 24). Ein wichtiger Einschnitt im Gemeindeleben erfolgt 1940, als zum 15. August die Schwestern der Augustinerinnen das Josefskloster verlassen. An ihre Stelle treten Marienschwestern aus Schönstatt (Chronik 1991, Seite 33). Weitere 36 Jahre betreiben sie im Gebäude an der Gereonstraße ein Altenheim und halten dort Einkehr- und Gemeinschaftstage ab. Außer-dem bilden sie die "Zentrale der ambulanten Krankenpflege, der Jugendpflege, der Kindergärten, der Pflege der Kirchenleinwand, der Armenpflege, der Pflege von etwa zehn alten Leuten ..." (Dickmann 1967, Seite 33f).

Diese Geschichte endet am 31. Mai 1986: "Das Josephskloster an der Gereonstraße wird verkauft. Unsere Schönstatter Marienschwestern sind in das renovierte Haus Josefstraße 11 umgezogen. Seit 1940 betreuten sie u.a. im Josephskloster im Durchschnitt ca. zehn alte und vor allem kranke Personen. Mit dem Umzug wird dieses Altenheim aufgelöst." (Chronik 1991, S.75f).

Beschreibung
Das traufständige Backsteingebäude erhebt sich mit drei Geschossen über annähernd quadratischem Grundriss (ca. 14 x 12 m) leicht zurückgesetzt von der Gereonstraße. Seine symmetrische Fassade mit Mittelbetonung durch einen übergiebelten Eingangsrisalit ist fünf Achsen breit. Ein Satteldach schließt den Baukörper nach oben ab. Ecklisenen, Gesimse, Trauffries und Mittelrisalit unterteilen die mit neugotischen Zierformen ausgestaltete Fassade in einzelne Felder, wobei nicht zuletzt durch den dominanten überhöhten Mittelrisalit eine vertikale Ausrichtung überwiegt. Die segmentbogigen Stürze der hochrechteckigen Fenster werden im Erdgeschoss von Spitzbogenblenden überfangen. Auch der über Stufen erhöhte Mitteleingang ist unter einem Spitzbogen eingenischt. Während Erd- und erstes Obergeschoss von einem durchgehenden Sohlbankgesims getrennt werden, laufen zwischen den beiden Obergeschossen die vertikalen Lisenen durch, so hier nur kurze Gesimsstücke verbleiben.

Der Mittelrisalit endet in einem hohen, fünffach gestuften Treppengiebel. Seine flachen Ecklisenen bilden darunter einen Spitzbogen aus, der ein ebenfalls spitzbogiges Dreipassfenster überfängt. Seitlich des Risalits akzentuiert ein Spitzbogenfries mit kleinen Werksteinteilen als Keilstein und Konsölchen die Traufe.

Die beiden Giebelseiten besitzen in der Mittelachse jeweils vier übereinander angeordnete Fenster, das oberste belichtet das Dachgeschoss. Die im wesentlichen schmucklose Gebäuderückseite ist verputzt und besitzt ebenfalls einen Mittelrisalit. Die durch ihn betonte Symmetrie ist seit 1965 durch einen einseitig angebrachten Anbau mit querrechteckigem Fenster (Architekt Bolten, Viersen) gestört. Ein gleichartiger, jedoch beiderseits und damit symmetrischer Ausbau mit hochrechteckigen Fenstern und Terrasse für das Obergeschoss wird bereits einmal 1945 von Stadtbaurat a..D. Frielingsdorf geplant, aber nicht verwirklicht.

Das Gebäude besitzt stilgerechte zweiflügelige sprossengeteilte Holzfenster. Die augenscheinlich ursprüngliche zweiflügelige Eingangstür ist aus Eiche.

Die erhaltenen Baupläne von 1908 zeigen in allen Geschossen einen regelmäßigen kreuzförmigen Grundriss aus breitem Mittelflur, vier größeren Zimmern in den Ecken und kleineren Räumen seitlich an den Giebeln zwischen den großen Eckzimmern. 1965 sind im Erdgeschoss Funktionsräume wie Sprechzimmer, Tagesraum, Küche, Spüle und Personalraum, und im Obergeschoss die Zimmer von Schwestern und Gepflegten untergebracht. Erschlossen wird das vollunterkellerte Gebäude von einer gerade zweiläufigen Treppe an der Rückseite. Erwähnenswert sind ornamentale Gussheizkörper.

Zur Gereonstraße besitzt das Kloster noch die originale Einfriedungsmauer aus Backstein; Gitter und Tor sind allerdings erneuert.

Der Planverfasser des Josefsklosters, Martin Küppers, ist mit seinem Baugeschäft bereits in den 1890er Jahren bei mehreren heute denkmalgeschützten Gebäuden in Viersen als Bauunternehmer überliefert (Bahnhofstraße 34, Königsallee 24, Noppdorf 15 - Gaststätte Zum Hohenbusch -). 1920/21 besitzt er zudem eine Ziegelei An der Eisernen Hand, mit eigenem Gleisanschluss an die Industriebahn - eine für Bauunternehmer im späten 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts nicht unübliche und zweckmäßige Kombination.

Es handelt sich bei dem Josefskloster mit seinen ursprünglich fünf Schwestern um eine kleine Niederlassung, die nur eingeschränkt mit umfangreicheren Anlagen verglichen werden kann. Der klösterliche Gemeinschaftsgedanke kommt hier vor allem in der überaus regelmäßigen und gleichartigen Grundrissaufteilung zum Ausdruck, die sich z.B. von den unterschiedlichen Funktionalitäten und Raumgrößen eines üblichen Wohnhauses deutlich unterscheidet.

Bautypspezifisch ist auch die Fassadengestaltung als Backsteinrohbau mit neugotischen Zierformen, die stilgeschichtlich zur Bauzeit um 1910 nicht mehr üblich ist. Bei kirchlichen Bauaufgaben aber gilt die "Kölner Schule", d.h. die ausdrücklich als "christlicher Baustil" bezeichnete Gotik bzw. Neugotik, bis zum Ersten Weltkrieg im Rheinland als der angemessene Stil. Dabei handelt es sich um eine für Klöster durchaus neubautenreiche Zeit, sei es wegen des Wiederaufbaus des Klosterwesens nach dem Kulturkampf oder wegen des in der industriellen Revolution erhöhten gesellschaftlichen Bedarfs an Einrichtungen für soziale und karitative Aufgaben, die der sich gerade erst entwickelnde Sozialstaat nicht selbst zu erfüllen vermag. Die Barmherzigen Schwestern des Josefsklosters in Viersen repräsentieren einen dieser Krankenpflegeorden, die anders als die großen kontemplativen Ordensgemeinschaften auch nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert relativ kontinuierlich sich entwickeln können.

Das Gebäude des ehemaligen Josefsklosters, Gereonstraße 43, ist über fast siebzig Jahre ein Mittelpunkt kirchlicher Sozialarbeit. Der substanziell im wesentlichen unverändert erhaltene Bau verweist dabei in eine Zeit, als die Stadt Viersen gerade hier im südlichen Stadtbereich ein starkes industrielles Wachstum besitzt, in deren Folge offenbar auch ein Bedarf für soziale Einrichtungen wie diese bestand. Neben Kranken- und Altenpflege, für die die Zivilbehörden ja im Genehmi-gungsverfahren genügend eigene Versorgungseinrichtungen geltend gemacht haben, sollen dabei auch die Fürsorge für Arbeiterinnen, Kinder und bedürftige Mädchen ein Aufgabengebiet des Klosters sein. Zusammen mit den benachbarten Bauten an der Josefstraße (Pfarrhaus, Kaplaneien) und natürlich der Josefskirche selbst bildet es ein markantes Zentrum von noch aus der Gründungszeit der Pfarre stammenden Häusern aus.

Das Gebäude des ehemaligen Josefsklosters ist daher bedeutend für Viersen. An seiner Erhaltung und Nutzung besteht aus den dargelegten wissenschaftlichen, insbesondere architektur- und ortsgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse. Es handelt sich daher gemäß § 2 (1) Denkmalschutzgesetz um ein Baudenkmal.