|
Standort:
Heidweg 102, D 41749 Viersen - Süchteln
GPS:
51o 17'
12,3"
N 06o
21' 21,8"
O
Zuständigkeit:
Privat
Baujahr:
1964
- 1968
Tag der Eintragung als Denkmal 30.
April 2009
Quellenhinweis:
Beschreibung der Denkmalbehörde
|
|
Wohnhaus in Süchteln

Denkmalbeschreibung:
Das Haus Heidweg 102 wurde 1966 durch den
Bauingenieur und Architekten Wolfgang Jansen als eigenes Wohnhaus für
sich und seine Familie errichtet. Eine erste Bauvoranfrage bezüglich
der grundsätzlichen Genehmigungsfähigkeit der vorgesehenen Konzeption
stammt bereits aus dem Jahr 1964.
Der nach Nordwesten aus dem Ortskern in
Richtung der Süchtelner Höhen und Dornbusch hinaus führende Heidweg
wird 1520 unter seinem heutigen Namen „Heitweg“ genannt. Bis das 20.
Jahrhundert hinein entwickelte sich an ihm keine nennenswerte Bebauung.
Bedeutendster Anlieger war seit den 1860er Jahren die Samt- und Plüschweberei
Gebr. Rossié, deren Betriebsgebäude jedoch abgerissen sind (ehemals
Heidweg 42-48). Hinter den Häusern Heidweg 96 und 98 liegt der
ehemalige Jüdische Friedhof von Süchteln, angelegt 1749. Heute
dominiert den Heidweg Wohnbebauung aus der 2. Hälfte des 20.
Jahrhunderts, im Bereich des Hauses Heidweg 102 überwiegend
freistehend.
Beschreibung
Das Haus Heidweg 102 ist ein freistehendes zweigeschossiges Gebäude mit
Flachdach, das sich als streng kubischer, würfelartiger Baukörper auf
quadratischer Grundfläche von etwa 10 x 10 m (einschließlich
Vorkragung vorne) erhebt. Es ist von der Straße zurückgesetzt; eine
etwa kopfhohe (1,80 m) Mauer schließt das Grundstück hermetisch nach
vorne ab, so dass sich dahinter ein geschützter Innenhof entwickelt.
Bauzeitlich zugehörig ist auf der rechten vorderen Grundstücksecke
eine gestalterisch angeglichene Garage. In den 1990er Jahren wurde als
Pendant auf der linken vorderen Ecke ein Ateliergebäude errichtet.
Alle Gebäude und die Grundstücksmauer
besitzen einheitlich weiß geschlämmtes Mauerwerk. Das Wohnhaus ist
nach Süden, d.h. hier in Richtung der Straße, in beiden Geschossen
weitgehend in Glas aufgelöst, weshalb die abschirmende Mauer unbedingt
zum Konzept des Hauses gehört. Die Decken von Erd- und Obergeschoss
sowie die beiden seitlichen Wandscheiben sind deutlich vorgezogen,
sodass auf gesamter Breite im EG ein geschützter Eingangsbereich und im
OG ein überdachter Austritt („Balkon“) entstehen, funktional
gleichzeitig jeweils Sonnenschutz. Optisch entstehen so kräftige weiße
Rahmungen der dunklen Fensterzonen, die das kubische Prinzip des Hauses
betonen. Nach demselben Prinzip ist auch die Front der zugehörigen
Garage gestaltet, wo weiße Decke und Wandscheiben ebenfalls dreiseitig
das dunkle Kipptor rahmen.
Als drittes Element in der straßenseitigen
Ansicht sind dann noch Tor und Zaun unmittelbar links anschließend an
die Garage (die Mauer kurz unterbrechend) und das Brüstungsgitter des
Austritts im Obergeschoss des Hauses zu nennen, die jeweils aus geraden,
dunkel gestrichenen Metallstäben gebildet werden, die sich somit auch
in die rechtwinklige Geometrie der Linien einfügen.
Die übrigen drei Seiten sind hingegen nur
sparsam und betont asymmetrisch geöffnet, so dass dort die
geschlossenen Mauerwerksflächen – im kontrastierenden Zusammenspiel
mit den dunkel abgesetzten Öffnungen - wirken können. Besonders
konsequent, quasi als „Gegenpol“ zur ganz geöffneten Straßenseite
ist hier die Rückseite (Norden) gehalten, die im Erdgeschoss in der
Achse Eingang-Flur-Treppe ein geschosshohes Fenster und seitlich davon
lediglich sehr schmale Oberlichtstreifen besitzt.
Schon in der gegensätzlichen und zudem unüblichen
Ansicht von Straßen- und Gartenseite wird folglich die Durchgestaltung
des Hauses deutlich, bei dem das auf den ersten Blick hermetisch
wirkende Äußere dennoch untrennbar mit dem Raum- und Gestaltkonzept
des Inneren verbunden ist.
Grundprinzip der inneren Aufteilung ist eine
Dreizonigkeit, die durch von der Vorderseite zur Rückseite mehr oder
weniger durchgezogene Wandscheiben hergestellt wird. Ihre Stellung
zueinander ist dabei aus dem „Goldenen Schnitt“ abgeleitet, einem
klassischen mathematischen Kompositionsprinzip in Architektur und Kunst,
bei dem eine Strecke so geteilt wird, dass das Verhältnis zweier
kleiner Teile zueinander demjenigen des Größeren zur Gesamtlänge
entspricht. Eine solche Aufteilung wird allgemein als besonders
harmonisch empfunden.
Im Erdgeschoss wird die Dreizonigkeit im
hinteren Bereich zwar nicht aufgehoben, aber durchbrochen, da die Seiten
der in der Eingangsachse angeordneten Treppe transparent gehalten sind.
Das Treppengeländer, ursprünglich aus Holz, wurde später durch Glas
ersetzt, die Trittstufen sind noch original. So ergibt sich hier zusätzlich
ein quergerichteter Durchblick, der die hintere Wohn-/Esszone offen und
fließend hält. Im vorderen Bereich dagegen sind Couchecke, Diele und Küche
durch geschlossene Wände deutlich als abgegrenzte Räume konturiert.
Die Wände sind auch nach innen als weiß
geschlämmtes Mauerwerk gehalten, mit dem das überwiegend dunkel
gehaltene Mobiliar und die dunklen Rahmen der Fenster und Türen
wirkungsvoll kontrastieren. Der Boden im Erdgeschoss besteht aus
dunklem, polierten Naturstein. Die Decke ist hell holzverkleidet, mit
feiner Linierung. Diese Verkleidung wird an einigen Stellen im Haus auch
nahtlos als Wandverkleidung fortgesetzt (z.B. Wand zwischen Küche und
Essbereich).
Im Obergeschoss sind Schlafzimmer, Bad,
Treppenhaus etc. entsprechend der Dreizonigkeit in insgesamt sechs Räume
separiert, erschlossen durch einen mittigen Querflur. Hinzu kommt der
oben erwähnte Austritt als Balkon nach vorne.
Das Haus ist vollflächig unterkellert und wird
durch eine Fußbodenheizung beheizt.
Der durch Gebäude und Mauer deutlich von der
Umgebung abgeschottete Garten ist im vorderen Bereich prägnant
gestaltet, einschließlich Swimmingpool. Die Gestaltung selbst ist
neueren Datums, zeigt aber, dass der Garten als Wohn- und
Freizeitbereich intensiv genutzt und als Teil des Gesamtkonzeptes zu
sehen ist. Während sich der Atelierbau der 1990er Jahre in Gestalt und
Proportion harmonisch in die Gesamtheit einfügt, durchbricht der nachträgliche
Wintergartenanbau an das Wohnhaus die Gestaltungsidee doch erheblich,
auch wenn dies von der Ausdruckskraft der Kubatur noch überlagert wird.
Architekt und Bauherr
Wolfgang Jansen ist 1941 in Wuppertal-Elberfeld geboren. Die Familie
stammt aus Süchteln und zog 1942 dorthin zurück. Seine Ausbildung zum
Bauingenieur erhielt er 1963 an der Ingenieurschule Aachen (Wolfgang
Lang). Bevor er sich 1970 mit dem Architekten Voigt in Düsseldorf
selbständig machte, war er vor allem im Büro HPP (Hentrich-Petschnigg
& Partner) u. a. in Düsseldorf, Aachen und Köln tätig. 1979
erfolgte die Gründung des bis heute bestehenden Büros JE & P
(Jansen, Ergoecmen & Partner), dessen Schwerpunkte vor allem im
Gewerbe- und Verwaltungsbau liegen. Neben dem Großraum Düsseldorf ist
die Stadt Viersen der zweite räumliche Schwerpunkt der Bürotätigkeit.
Hier sind u. a. zu nennen: Stadtwerke Viersen, Stadtbibliothek Viersen,
Feuer- und Rettungswache Viersen, Erweiterung Festhalle/Kreismusikschule
Viersen, diverse Wohnanlagen (u. a. Wohnpark Weberstraße),
Verwaltungsgebäude Trienekens sowie diverse Projekte im Rahmen des
Denkmalschutzes (Villa Bong, Villa Rossié, Zehntscheune Süchteln,
Irmgardisstift). Das eigene Wohnhaus Heidweg 102 ist das früheste
vollständig nach eigenem Entwurf ausgeführte Gebäude von Wolfgang
Jansen.
Bewertung
Das Wohnhaus Heidweg 102 in Süchteln ist einerseits als kompakter,
geschlossen konturierter Kubus von der Umgebung abgegrenzt, andererseits
sind innen und außen subtil und funktional stimmig durchdrungen
(Anordnung und Ausrichtung der Räume in Bezug zu Grundstück und
Himmelsrichtungen Einbeziehung des Gartens, Sichtmauerwerk auch im
Inneren, großflächige Fensterwände etc.). Die wesentlich aus der Lage
und mathematischen Maßverhältnissen abgeleitete Entwurfsidee ist
konsequent durchdacht und umgesetzt. Die kubische Kompaktheit des Hauses
spiegelt sich auch in der relativ überschaubaren Grundfläche, auf der
die Räume im Inneren angeordnet sind – auch hier nach klarem,
einheitlichem Prinzip (Achsenteilung), das aber im Wohnbereich, wo ein
großzügigerer Zuschnitt gewünscht war, soweit wie nötig durchbrochen
ist, jedoch ohne unkenntlich gemacht worden zu sein.
Architekturgeschichtlich und stilistisch repräsentiert
das Wohnhaus prägnant Zeitgeist und Entwurfshaltung seiner Zeit, der frühen
1960er Jahre. Es steht einerseits ganz in der Tradition der klassischen
Moderne mit ihren weißen Kuben, den eleganten, asymmetrisch gesetzten
Fenstern und Fensterbändern, dem Flachdach, dem Ineinandergreifen von
Innen und Außen, der Ablehnung traditioneller „bürgerlicher“
Gestaltungs- und Raummuster. Vorherrschend ist eine Reduktion,
Konzentration und Strenge der Form und des Materialeinsatzes, der in
deutlichem Gegensatz zur verbreiteten modernen Ästhetik der 1950er
Jahre steht, und ganz und gar nicht „spielerisch“, „leicht“,
„schwebend“ oder „dekorativ“ sein will, wie z.B. die
funktionalistische Moderne der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit
(„Nierentischära“). Diese Rückführung und teilweise
Wieder-Radikalisierung der Moderne durch Strenge, Konzentration und
Materialästhetik ist ein charakteristisches Phänomen in der Baukunst
der 1960er Jahre, mit der sie sich deutlich abhebt sowohl vom
Funktionalismus der Nachkriegszeit als auch der traditionellen
Architektur üblicher Ausführung, wie sie auch am Heidweg die
Steildach-Wohnhäuser der unmittelbaren Nachbarschaft verkörpern.
Diese durchgehaltene Formidee ist auch in der
Lage, verschiedene Elemente unterschiedlicher Art und teilweise auch
Zeitstellung - Wohnhaus, Nebengebäude, Einfriedung, Garten –
zusammenzubinden und eine beträchtliche Störung wie den
Wintergartenanbau einerseits als solche erkennbar werden zu lassen,
andererseits im Ausdruck zu überlagern.
Die Tatsache, dass sich die Zeitstellung des
Hauses dem Betrachter so eindeutig erschließt, zeigt symptomatisch,
dass die 1960er Jahre in Architektur und Städtebau inzwischen
historisiert werden können. Mehrere wichtige Veranstaltungen und
Publikationen haben in den letzten Jahren auch eindringlich darauf
hingewiesen, dass Architektur und Städtebau der 1960er Jahre mehr als
40 Jahre nach ihrer Entstehung nun von der Denkmalpflege und der
wissenschaftlichen Architekturgeschichte selbstverständlich zu
bearbeiten und gegebenenfalls zu schützen sind (siehe Literatur).
Auch wenn ein systematischer Überblick über
die Architekturzeugnisse dieses Jahrzehnts bislang genauso wenig
vorhanden ist wie für andere Gebiete, so ist doch der Zeugniswert des
Wohnhauses für die Charakteristika dieser Zeit und, hiervon unabhängig,
seine beträchtliche gestalterische Qualität, fachlich eindeutig
feststellbar.
Das zentrale Wohnhaus mit der bauzeitlichen
straßenseitigen Mauer/ Einfriedung und der Garage ist weitestgehend
original erhalten. Die Gestaltung des Gartens ist jüngeren Datums,
seine flächenmäßige Zuordnung zum Haus aber ebenfalls weitgehend
unberührt. Der Atelierneubau in der südwestlichen Grundstücksecke ist
stilistisch angepasst gut eingefügt.
Als außergewöhnlich qualitätvoll gestaltetes
Wohnhaus der 1960er Jahre eines bekannten Architekten ist das Haus
Heidweg 102 in Süchteln bedeutend für Viersen. Wegen seines den
Zeugniswert stützenden originalen Erhaltungszustandes in Verbindung mit
den beschriebenen architekturgeschichtlichen Merkmalen liegen Erhaltung
und Nutzung des Hauses aus wissenschaftlichen, hier
architekturgeschichtlichen Gründen im öffentlichen Interesse. Die
Voraussetzungen für eine Einstufung als Baudenkmal gemäß § 2
Denkmalschutzgesetz NRW sind daher erfüllt.
Der Denkmalwert erstreckt sich auf die
bauzeitlichen Bestandteile Wohnhaus (ohne Wintergarten), straßenseitige
Mauer / Einfriedung und Garage.
|